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Strategie & Innovation

Digital Wallet – der Leidensweg des digitalen Portemonnaies

Der Usability-Day Berlin diesen Oktober stand im Zeichen der digitalen Zahlungssysteme. Mit diesem Thema hatte ich bis dato wenig Berührung und ich bin aus den Vorträgen mit vielen neuen Eindrücken wiedergekommen. Was mir noch fehlte ist eine Übersicht über die heutigen Entwicklungen. Neugierig wie ich bin, machte ich mich an die Recherche. Die wichtigsten Beobachtungen könnt ihr hier nachlesen und gerne kommentieren.

Definition

Die Vision ist, das reale Portemonnaie – mit allen Bank-, Versicherungs- und Mitgliedskarten – zu ersetzen, um und bargeldlose Kaufprozesse und Geldtransfers zu ermöglichen.

Die wichtigsten Einflussfaktoren

Die Entwicklung des digitalen Portemonnaies steckt in den Kinderschuhen. Konzerne und Anbieter basteln an je eigenen Lösungen und setzten auf unterschiedliche Technologien. Momentan kann man starke Unterschiede in der Nutzung dieser Ansätze in verschiedenen Ländern beobachten. Einen sehr schönen Einblick in das Thema gab auf dem WUD-Berlin Lisa Wiese, Senior Research Consultant im Bereich User Experience beim Marktforschungsinstitut eye square. Die wichtigsten allgemeinen Faktoren sind:

Technologische Entwicklung im Land

Eine Voraussetzung für die Verwendung von digitalen Zahlungssystemen ist eine große Zahl an Internetnutzern, eine hohe Akzeptanz des E-Commerce sowie die Verbreitung von Smartphones kombiniert mit der Bereitschaft, falls nötig in weitere Devices zu investieren.

Dichte an Geldautomaten / Bankfilialen

Je weniger Möglichkeiten es gibt, Geld an Bankautomaten oder in Bankfilialen abzuheben, desto willkommener ist bei der Bevölkerung die Idee eines digitalen Portmonnaies, das z.B. mit einem Smartphone funktioniert.

Kulturelle Prägung der Einwohner

Menschen brauchen ein Grundvertrauen in die Finanzinstitutionen, um sich mit einem digitalen Portmonnaie anzufreunden. Bevölkerungen mit einer eher kollektiven Orientierung, z.B. in Bangladesch, agieren finanziell in großen Familienverbänden und hinterfragen die Geldtransaktionen nicht, während in Ländern mit großer Korruption, z.B. in Russland, die Menschen den Banken wenig Vertrauen schenken und nach wie vor die gute alte Barzahlung bevorzugen.
Was sie übrigens auch mit Deutschland gemein haben, wo, trotz niedriger Korruptionsrate und exzellenter technologischer Entwicklung, wegen des möglichen Datenverlusts eine weit verbreitete Unsicherheit gegenüber solchen Technologien herrscht. Die allgemeine Akzeptanz des digitalen Portmonnaies ist auch sehr vom Alter abhängig – je jünger die Menschen sind, desto schneller sind sie bereit, digital zu bezahlen.

Aktuelle Entwicklungen und Beispiele

Stand-Alone-Produkte

  • Auf dem Markt und in der Entwicklung gibt es Hybrid-Modelle, die das Analoge und das Digitale miteinander verbinden. Solche Portmonnaies unterscheiden sich äußerlich, wie im Fall des Biometic Wallet von Dunhill, nicht von einem normalen Geldbeutel, öffnen sich aber über Fingerabdruckscanner und sind via Bluetooth mit dem Handy der Besitzer verbunden. Wird eines der Geräte mehr als fünf Meter vom anderen entfernt, löst das Portemonnaie Alarm aus! Das Produkt ist auf dem Markt für schlanke 600,- Euro zu kaufen. Ein hübsches Weihnachtsgeschenk!
  • Noch ein Stand-Alone-Beispiel ist die Entwicklung des schwedischem Designers Fredrik Palmblad. Er hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst schneller Geldtransfer zu gestalten. Dafür nutzt er LED-Streifen, die eine Verbindung zwischen zwei digitalen Portemonnaies herstellen und das Geld in Echtzeit überweisen.

Die Stand-Alone-Produkte fokussieren sich auf einen Teil der Aufgaben, z.B. die Sicherheit oder den schnellen Geldtransfer. Viele noch ungelöste Fragen, die ein digitales Portmonnaie heute mit sich bringt, werden herausgelassen, um Komplexität zu vermeiden.

Benutzung des NFC (Near Field Communication)-Chips

Wikipedia übersetzt NFC mit „Nahbereichkommunikation“. Es handelt sich dabei um einen weltweit anerkannten Standard zur Informationsübertragung über eine Entfernung von maximal vier Meter. Um einen Geldtransfer, z.B. einen Kaufprozess, zu tätigen, werden zwei Geräte benötigt. Ein Gerät mit einem NFC-Chip und ein Lesegerät. Der NFC-Chip kann sogar als Schlüsselkarte, als ID- oder Mitgliedskarte verwendet werden. Die Sicherheitslücke, die entsteht, falls das Handy geklaut wird oder nicht funktioniert, wäre noch zu schließen.

Nun zwei Beispiele dafür:

  • „Osaifu-Keitai“
    (mobile phones with wallet functions) ist ein in Japan sehr verbreitetes Zahlungssystem. Das System wurde von Docomo entwickelt, wird aber auch von anderen mobilen Providern im Land unterstützt. Osaifu-Keitai-Zahlstationen sind an Kassen zu finden. Dieses Video zeigt, wie sie funktionieren.Außerdem bieten die Provider das Speichern der ID- und Mitgliedskarteninformationen auf den Chip an.
  • In Deutschland wagte es in diesem Jahr die Targo-Bank, ihren Kunden ein mobiles Bezahlungssystem mit NFC-Technologie anzubieten. Die Teilnehmer werden mit einem SMS-Dienst und einer Bank-App kräftig unterstützt. Bei der Bezahlung wird eine PIN abgefragt. Die Bank weist auf ihrer Webseite darauf hin, dass einige Filialen von Douglas, Christ oder Hussel auf diese Zahlungsmethode schon vorbereitet sind. In diesen Geschäften gehen die potenzielle Mobile-Shopper wohl ein und aus, so die Targo-Bank.

Die NFC-Technologie hat sicherlich viel Potenzial und Zukunft. Die größte Hürde ist, das Sicherheitsproblem zu lösen. Das NFC-Signal hat eine Reichweite von bis zu vier Metern, was bedeutet, dass die Informationen von einem Chip ungewollt gelesen werden können. Vor allem in deutschsprachigen Blogs und Zeitschriften wird dieses Zahlungsmodell deswegen skeptisch betrachtet.

www.faz.net/aktuell/finanzen/

Karten-Lösungen RFID-Chip

Bei diesem Modell werden alle finanziellen und persönlichen Daten auf einer externen Karte, die wie eine Kreditkarte aussieht, gespeichert. Dieser Karte funktioniert in der Kombination mit einem personalisierten Smartphone. Beide Geräte werden in einer Hülle getragen und sind dadurch stets in Verbindung. Die App auf dem Smartphone kann dann die Dateien von der Karte lesen.

  • Ein Beispiel für diese Lösung ist Geode von icashe, ein für das iPhone entwickeltes Produkt. Geode bittet eine All-in-One –Lösung zur Reduktion der zahlreichen Karten und für eine bargeldlose Bezahlung. Der Kartenleser wird mitgeliefert, damit die zahlreichen Kredit-, Bank- und Mitgliedskarten eingespeichert und zuhause verstaut werden können. Die Bezahlung verläuft dann wie gewohnt mit einer EC- oder einer Kreditkarte, nur dass der Nutzer vor dem Bezahlen in seiner Geode-App einstellen soll, welche Karte nun zu verwenden ist. Die Sicherheitsfrage wird mit der Kontrolle des iPhones und der Geode-Karte durch die Fingerabdrücke des Besitzers beantwortet.

Die Reaktionen auf Geode sind unterschiedlich – viele Experten warnen vor den Sicherheitslücken und fehlerhaften Funktionen. Es gibt aber auch viele positive Stimmen, die es sehr praktisch und einfach zu bedienen finden. Vor allem der Fakt, dass die Geode-Karte mit einem ganz normalen Kartenlesegerät in jedem Laden oder Restaurant zu nutzen ist, macht es so attraktiv.

http://lumma.de

http://www.blog.etalgo.de

http://www.zdnet.com

Bezahlungssysteme

Außerdem habe ich bei meiner Recherche viele mobile Zahlungssysteme entdeckt, die auf Kooperationen zwischen verschiedenen Finanzinstitutionen, Unternehmen und Smartphone-Anbietern basieren. Hier geht es um begrenzte bargeldlose Bezahlung mit einer App in ausgewählten Läden oder Institutionen. Hier werden verschiedene Technologien angewendet – NFC, Barcode, Point of Sale etc.

  • 2011 startete die Starbucks-Card-App, mit der in den Vereinigen Staaten überall in den Starbucks-Cafés bezahlt werden kann. Die Bezahlung verläuft über einen einmalig generierten Barcode.
  • Schließlich funktioniert ein in Indien weit verbreitetes Bankservice „ypaycash“ auch mit dem Barcode. Ypaycash ist aus der Kooperation zwischen der Corporation Bank und dem Mobile-Entwickler eMudhra entstanden. Dieses Zahlungssystem kann in jedem Laden, der das System akzeptiert, benutzt werden. Der Käufer tippt in die App auf seinem Smartphone die zu bezahlende Summe ein, es wird ein einmaliger Barcode generiert, den der Verkäufer mit der Kamera seines Smartphone aufnimmt und prüft.

Solche Bezahlungssysteme sind vor allem in Ländern mit einer niedrigen Dichte an Bankautomaten und einer grundsätzlich positiven Haltung gegenüber Finanzinstitutionen und mobilen Technologien sehr im Kommen.

Was haben nun all diese Systeme gemeinsam?

All diese unterschiedlichen Einsätze haben ein gemeinsames Ziel – die Menschen davon zu überzeugen, auf das analoge Portemonnaie zu verzichten und sich diesen neuen Geräten und Apps anzuvertrauen. Ein verlockendes Angebot, die Kartensammlung und das Bargeld nicht mehr mitzuschleppen, allerdings um den Preis, dass man einige sehr diskrete Informationen einem Computer anvertraut.

Was bedeutet dies für Interaction Designer?

dem E-Commerce bringen Menschen gewiss einige Erfahrungen darüber mit, wie digitale Kaufprozesse ablaufen. Ein digitales Portemonnaie kann aber so komplex werden, dass der Nutzer auf jeden Fall neue Funktionen erlernen muss.
Wie kann nun der Nutzer motiviert werden, umzusteigen? Ich glaube, das Interfacedesign spielt dabei eine zentrale Rolle, um Menschen mit dem digitalen Portemonnaie vertraut zu machen und sie bei der Bedienung kräftig zu unterstützen.

  • Sicherheit ausstrahlen
    Das Gefühl der Sicherheit darf den Nutzer in keiner Sekunde verlassen. Sobald sich der Bildschirm während eines Kaufprozesses ungewollt verändert, geraten die Menschen in Panik. Die Prozesse sollten deswegen so angelegt werden, dass der Nutzer immer genau weiß, wo er ist und was er tut. Das Interface sollte strukturiert und übersichtlich gestaltet werden, mit klar aufgebauten Informationshierarchien und einer starken Nutzerführung. Es ist sinnvoll, auf viel Animation und Bewegung zu verzichten. Die einheitliche Gestaltung aller Prozesse innerhalb der App ist sicherlich ein Ankerpunkt für den Nutzer.
  • Kontrolle den Nutzern geben
    In der ersten Lernphase ist es sicherlich sinnvoll, auf schnellere, fluide Übergänge bei den Prozessen zu verzichten, auch wenn die App dadurch den sonst sehr willkommenen „flow“ verliert. Hier sind kleine Schritte mit zahlreichen Möglichkeiten, die Vorgänge zu bestätigen und zu überprüfen, wichtig.
  • Komplexität vermeiden
    Auch wenn das digitale Portemonnaie zum Teil wie Schweizer Messer aussehen – mein Gefühl sagt mir, dass es besser wäre, sich vorerst auf die wichtigsten Features des Produkts zu fokussieren und sie gestalterisch in den Vordergrund zu stellen. Später können noch weitere Features entdeckt und gelernt werden.
  • Gelerntes wiederholen
    Bloß nicht alles neu erfinden! Aus dem E-Commerce gelernte Handlungen können sicherlich zum Teil auch in dem D-Portemonnaie benutzt werden.
  • Kontext beachten
    Anderes als bei dem E-Commerce, wo Nutzer sich vor dem Computer in einer ruhigen Situation auf eine Überweisung konzentrieren können, ist dies bei der mobilen Bezahlung nicht mehr der Fall. Auch in einer lauten Umgebung, mit wenig Licht oder nur mit einer Hand sollte der Nutzer bequem und sicher das Interface bedienen können.
  • Fazit

    Zum Teil ist sie schon heute in vielen Ländern Realität – nämlich die mobile Bezahlung. Es ist bestimmt nur eine Frage der Zeit, bis die Probleme der Datensicherheit und der App-Fehler gelöst werden. Dann ist die Vorstellung, alle Karteninformationen in das Handy zu speichern, gar nicht mehr so unheimlich. Momentan laufen viele Entwicklungen parallel, auch im direkten Servicebereich, die Banken schließen Kooperationen mit Technologieentwicklern, um die Kunden an eigene Angebote zu binden. Dazu kommt noch ein nicht unwesentlicher Aspekt der Bezahlung – werden diese Transaktionen kostenlos angeboten oder für bestimmte Gebühren?

    Natürlich ist das nichts für den Nostalgiker mit einem schicken Lederportemonnaie, der genüsslich dem dezenten Rascheln der Geldscheine in seinen Fingern lauscht.

    Ich persönlich finde die Vorstellung, keinen Geldbeutel mitschleppen zu müssen, eigentlich schön. Kein Kleingeld, das mir ständig runterfällt, kein nervöses Suchen nach der Mitgliedskarte in der Bücherei …
    Nur wie werde ich dann im Kaffee Trinkgeld geben können? Wohin stecke ich den Kassenbon nach dem Einkaufen? Sonst habe ich schnell eine überquellende Jackentasche.

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