Zwetana Penova Connecting Design

Strategie & Innovation

Connected Learning – Das Spiel ist die höchste Form der Forschung

„Ich will aber, dass die Katze die Maus fängt!“, ruft meine Tochter. Ihr Kopf wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Sie sucht nach einem Code, der unsere kleine Animation in ein Spiel verwandelt. Die letzten Wochen des Moocs Learning Creative Learning waren so intensiv, dass ich nun Antonias Hilfe brauchte. Sie ist jetzt für meine Hausaufgaben zuständig – sie soll die Programmierungsumgebung von Scratch ausprobieren. Das macht sie ausgesprochen gerne, und dass sie dabei Vieles lernt – geometrische Grundlagen, logisches Denken, Muster-Erkennung, Komposition etc. – kommt ihr gar nicht in die Sinn, ist ja nur ein Spiel. Spielen steht tatsächlich im Mittelpunkt der Vorlesungen und Artikel der letzten Wochen, wozu mir gerade ein Zitat von Albert Einstein unterkommt, der ja für Vieles gerade halten muss: „Das Spiel ist die höchste Form der Forschung!“

Entdecken und lernen beim Spielen ist Teil des pädagogischen Modells – Connected Learning. Heute möchte ich davon erzählen, aus welchen Komponenten Connected Learning besteht. Nächste Woche gebe ich einen Überblick darüber, worauf bei der Entwicklung des Designkonzeptes einer digitalen Lernplattform im Sinne von Connected Learning zu achten wäre.

Definition

Connected Learning setzt sich zum Ziel, das klassische Bildungssystem zu überdenken / zu ergänzen. Connected Learning stellt die Interessen der Schüler / Studenten in den Mittelpunkt des Lernprozesses, stärkt die Möglichkeiten des Austauschs unter den Schülern und nutzt verstärkt die digitalen Medien, um diesen Austausch und die Zusammenarbeit zu forcieren.

Mit welchen Mitteln werden nun diese Ziele erreicht?

Verschiedene Lerntypen werden angesprochen

Die einzelnen Sinnesorgane sind bei allen Menschen unterschiedlich ausgeprägt. Manche lernen am besten beim Zuhören, andere beim Experimentieren oder im Dialog.
Man unterscheidet vier Lerntypen: den auditiven, den visuellen, den kommunikativen und den motorischen Lerntypus. Die meisten Menschen sind Mischtypen. Das bedeutet, dass die am stärksten ausgeprägten Sinne beim Lernen kombiniert werden. Eine große Rolle spielt auch die Umgebung – mancher Lernende braucht absolute Ruhe, andere bevorzugen die Möglichkeit, sich auszutauschen etc.

Bei Learning Creative Learning wurde uns folgendes Beispiel vorgestellt: die Geschwister Ito, die zu zwei unterschiedlichen Lerntypen gehören.

Mimi Ito – ein visueller und auditiver Typ, die sich im klassischen Bildungssystem gut behaupten konnte. Heute ist Mimi Ito eine anerkannte Kulturanthropologin. Sie untersucht verschiedene Aspekte der Wissenswahrnehmung und gehört zu der Gruppe, die „Connected Learning“ ins Leben gerufen hat.

Ihr Bruder Joi Ito – ein eher motorischer und kommunikativer Lerntyp. Im, schulischen Unterricht fehlte ihm der Bezug zum Alltag. Das Studium fand er zu abstrakt und hat es daher abgebrochen. Dabei interessierte sich Joi Ito immer für Wissenschaft und Technologie, lernte viel von seinen Mentoren und aus dem Internet. Heute leitet Joi Ito die MITLabs.

Ein wunderbares Beispiel, das zeigt, wie verschieden die identische Lernsituation von unterschiedlichen Menschen erlebt wird.
Hier ein Video, in dem Mimi und Joi Ito über ihre Kindheitserfahrungen beim Spielen und Lernen erzählen.

Heterogenität in der Denkweise ist willkommen

Was stimmt nun nicht mit dem klassischen Bildungssystem?

Das klassische Bildungssystem, so Joi Ito, unterstützt vor allem die Menschen, denen es leicht fällt, abstraktes Wissen ohne direkten Bezug zum Alltag aufzunehmen. Knapp formuliert, richtet sich seine Kritik vor allem gegen die folgenden drei Punkte:

  • Art der Kommunikation – vom Lehrer direkt an den Schüler (damit von oben nach unten und linear).
  • Kein Alltagsbezug – vor allem Kindern fällt es sehr schwer, sich für das Lernen für eine abstrakte Zukunft zu begeistern. Die Motivation der Kinder leidet darunter. Es wird viel zu wenig „mit den Händen“ ausprobiert.
  • Homogenität der Studenten – die Studenten, die es an die Hochschulen schaffen (Ito spricht von den Elite-Unis in den USA), kommen aus dem gleichen Schulsystem. Meistens gehören sie zu den gleichen Lerntypen und haben ähnliche Denkmuster.

Experimente und Innovationen leben vom Zusammentreffen verschiedener Perspektiven. In einem Umfeld voller gleich denkender und handelnder Menschen kann keine Vielfalt erwartet werden.

Leidenschaftliche Interessen werden unterstützt

Kinder (und dies gilt auch für Erwachsene!) erleben den Lernprozess sehr positiv, wenn sie einem bestimmten Thema mit Leidenschaft begegnen. Welche Themen interessieren die Kinder nun besonders? In der Studie Connected Learning werden Beispiele aus dem Alltag der Jugendlichen genannt: Viele interessieren sich für Computerspiele, daraus kann der Wunsch entstehen, selber ein Spiel zu konzipieren, zu programmieren etc. Andere lieben Fantasy-Mangas und möchten lernen, wie eine Story geschrieben wird und wie man Mangas zeichnet. Einen Film drehen, eine CD aufnehmen, ein Hörspiel gestalten, eine Webseite basteln, mit Lego Roboter bauen und und und …

Interessenbasiertes Lernen findet meistens außerhalb der Schule statt, beeinflusst aber unmittelbar die Einstellung der Kinder zum Lernen. Die Schüler und Studenten zeigen eine außergewöhnliche Ausdauer und Fleiß, wenn es darum geht, die Fähigkeiten zu erlernen, die sie persönlich interessieren.

Aufgaben sind immer Alltag bezogen

Connected Learning stellt das Experiment in den Mittelpunkt des Unterrichts. Es geht darum, etwas mit eigenen Händen zu gestalten, ob eine Skulptur, ein Buch oder eine Animation. Die gewonnenen Kenntnisse sollen in konkreten Projekten getestet werden. Eine These kann durch solch ein Experiment geprüft und ggf. korrigiert werden.

Expertise kommt von den Peergruppen

Im Kontext der Sozialisationstheorie bedeutet „Peer“ die „gleichen“ und zwar im Sinne von sozial und alters gleich. Dieser Begriff beschreibt das Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen, sich von den Erwachsenen abzugrenzen. Die Mitglieder einer Peergruppe sind nicht unbedingt Freunde, begegnen sich untereinander aber mit Respekt und haben gemeinsame Interessen. Sie unterstützen sich gegenseitig, befinden sich im Dialog und reflektieren über ihre Aktivitäten.

Das Lernszenario in einer Peergruppe kennt keine Hierarchien. Den Kindern und Jugendlichen geht es um die Meinung der anderen und um deren Rat.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass Kinder und Jugendliche in den gut organisierten Peergruppen eine fürsorgliche und motivierende Lernkultur entwickeln.

Connected Learning – Zusammenfassung

Connected Learning basiert auf der konstruktivistischen Grundauffassung des Lernens. Das Konzept integriert die Peerkultur in das interessenbasierte Lernen, ergänzt durch kooperatives / kollaboratives Lernen.

Connected Learning setzt somit auf die Eigenverantwortung und die individuelle Gestaltung des Lernprozesses. Connected Learning agiert an der Schnittstelle zum klassischen Bildungssystem und kann in Schulen, Horten, Unis etc. eingesetzt werden.

Die Grafik unten zeigt noch einmal sehr deutlich die Zusammenhänge des Modells. Wie ihr seht, werden die digitalen Komponenten häufig verwendet, um z.B. den Zugang zum Lernen ortsunabhängig zu gestalten, um die Peergruppen zu modellieren oder um Raum für Experimente zu schaffen. Mehr dazu nächste Woche. Let´s play!

Interessante Links

Mein Artikel über „Learning Creative Learning“-Kurs

Ich mache bei einem Mooc mit!
Blog von Julie Donders Visual Thinking zum Learning Creative Learning. Julie, thanks a lot for letting me use your great drawing!
http://lujie.tumblr.com/

Connecting Learning

Blog von Mimi Ito
BBC for Teachers
User Generated Education
Connected Learning

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