Zwetana Penova Connecting Design

Strategie & Innovation

If you miss a beat, you create another! Improvisation im Design

Eine besondere Sommerdusche

Eine Sommerdusche kann man in jedem Baumarkt kaufen – DIN-normiert und TÜF-geprüft, aber was wäre mit einer eigenen Kreation? Der russische Künstler Vladimir Archipov hat eine ganze Sammlung von DIY-Produkten, die mal aus der Not, mal aus der Lust am Machen geboren wurden.

Eine selbstgemachte Sommerdusche ist auch dabei. Das Besondere an diesem Modell – es besteht aus alten, miteinander verbundenen Bustüren. Dieses bizzare Artefakt könnte genauso gut eine Kunstausstellung schmücken. Wie ist nun der Autor zur dieser Konstruktion gekommen? Ganz einfach – er wusste, wo die verschrotteten Busse standen und verspürte den großen Wunsch nach einer Sommerdusche. Also improvisierte er mit dem Vorhandenen.

Die Gegenstände aus Archipovs Kollektion treiben ein Phänomen auf die Spitze, das eigentlich jeder von uns aus dem Alltag gut kennt. Aus der Not heraus improvisieren wir und fangen an, Alltagsgegenstände mit neuen Funktionen zu belegen: Ein Stift kann den Kaffeelöffel ersetzen, ein Teller wird zum Kerzenständer, ein Regal kann zu einer Bank umgebaut werden. Sobald die Objekte eine Fabrik oder Werkstatt verlassen, werden sie in der realen Welt zum Interpretieren frei gegeben.

sommerdusche

Improvisation in Design und in Architektur

Die Einheit des Objektes mit seiner Funktion kann auf verschiedene Art und Weise durchbrochen werden. Manchmal reicht es, eine Laterne mit dem Leuchtkopf nach unten zu stellen, wie bei dem Produktdesigner Volker Albus, und schon wird das gewöhnliche Wahrnehmungsmuster ausgehebelt.

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Die Nutzung der offiziellen visuellen Sprache für eigene, persönliche Botschaften, wie es in den Arbeiten von Grafikdesignerin Katy Dawkins geschieht, wird zu einem visuellen Stolperstein für die Betrachter.

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Das Konzept von Shared Space setzt auf den bewussten Verzicht auf regulierende Schilder und Aufteilungen im urbanen Raum. Die Planer und Architekten möchten damit die Aufmerksamkeit und Initiative der Bürger wieder neu beleben.

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Improvisation, sowohl auf Seiten des Designers als auch auf Seiten des Nutzers, kann in Design und Architektur zum Kommunikationsprinzip werden.

Improvisation im Interaction Design

Die digitale Komplexität stellt Interaction Designer vor eine interessante Herausforderung: Auf der einen Seite möchte man durch detaillierte Research und sorgfältige Use Cases möglichst präzis die mentalen Modelle der Nutzer nachempfinden, auf der andere Seite wird einem bewusst, dass man letztendlich nur bedingt allen möglichen Anforderungen gerecht werden kann. Das Verhalten der Nutzer verändert sich viel zu schnell. Je nach Lebenssituation, Nutzungskontext und Bedürfnissen wird die Beziehung zu dem Produkt, der Marke oder dem Service anders ausgelebt und interpretiert werden.

Wie kann nun die Balance zwischen den Design-Vorgaben und der Variabilität der Nutzer aussehen?
Möglich wäre z.B. eine Art Co-Creation an der Schnittstelle zwischen dem Produkt und dem Nutzer zu initiieren. Das könnte so aussehen, schlägt Liz Danzigo vor: Der Designer entwickelt die Rahmen und Module, die die Improvisation der Nutzer strukturieren. In diesem Video beschreibt sie die Parallelen zwischen einem die Improvisation unterstützendem Design und dem Modal-Jazz. Anderes als in den klassischen Noten, wo wenig Raum für die Interpretation bleibt, fördern die Noten-Vorgaben im Modal-Jazz die Improvisation. Zu Basis des legendären Albums „Kind of Blue“ zum Beispiel liegen vorgegebene modale Scalas. Diese Scalas definieren den Rahmen, innerhalb dessen die Musiker improvisieren.

Fazit

Die Idee, über die Improvisation und das Design nachzudenken, kam mir bei dem Besuch der Tagung „Wild Thing – Unordentliche Prozesse in Design und Wissenschaft“. Während der Vorträge, die interessante kunsthistorische Phänomenen rund um die Design-Produktion erklärten, ist mir deutlich geworden, dass die Interaktion, die die Designer formen, eigentlich auch als Improvisation bezeichnet werden kann.

Im Designkontext kann Improvisation als Interaktion / Reaktion des Nutzers auf das Produkt verstanden werden. Der Designer kann diese Reaktion nur bedingt steuern oder vorgeben, vielmehr können wir die Leute dazu motivieren, die Bühne zu betreten und zu improvisieren.

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