Zwetana Penova Connecting Design

Strategie & Innovation

Die fünf Irrtume über das Design, die Sie schnell vergessen sollten

Neulich mich hat ein Freund gefragt, ob ich mich als Designer oder Gestalter sehe? Ich fragte zurück, wo der Unterschied sei? Gestalter seien „künstlerischer“ und Designer wären mehr die „Dienstleister“, war seine Antwort. Zudem sagte er weiter, würden Designer sporadisch als Auftraggeber auftreten. Seine Beobachtungen bestätigten mir, wie viel Verwirrung es über die Aufgaben und Rollen von Designern gibt.

In der Tat befindet sich die Disziplin Design stark im Wandel. Als Grund für die Veränderung ist vor allem die steigende Komplexität der aktuellen Projekte zu nennen. Interface Design, Informationsarchitektur, Interaction Design, User-Experiance-Design, Usability-Design sind nur ein paar Design-Varianten, die in den letzten Jahren die klassischen Design-Disziplinen erweitert haben. Mit den immer komplexer werdenden Aufgaben und Anforderungen für Designer ist auch deutlicher geworden, dass neue agile Arbeitsmodelle gefragt sind. In diesen Modellen wird der Designer zu einer Drehscheibe zwischen Inhalt und Nutzer.

Ob Designer oder Gestalter – für mich ist es nicht eine Frage der Haltung, sondern des sprachlichen Kontextes. Im Englischen hat das Wort „Design“ eine sehr globale, prozessbeschreibende Bedeutung. Das Wort Design wird auf Architektur, Wirtschaft und Wissenschaft angewendet. Ins Alltagsdeutsch ist nur ein kleiner Teil davon übernommen worden. Gestalter haben in der deutschen Sprache hingegen eine lange Tradition und lassen an glorreiche Zeiten der Ulmer Hochschule für Gestaltung denken. Das Wort „Gestaltung“ weckt bei mir Bilder der klassischen gestalterischen Disziplinen wie Möbel- und Kommunikationsdesign. Innovationsdesign, Business-Design, Mobile-Devices etc. werden in dieses Bild nicht mit einbezogen. Deswegen spreche ich lieber von Design.

1. Design macht etwas schön

Ich beginne mit dem am meisten verbreiteten Irrtum – viele Menschen sind der Meinung, dass Design Oberflächen verschönert. Von einem Designer wird erwartet, ein hässliches Entlein in einen stolzen Schwan zu verwandeln. „Schließlich haben Sie das doch studiert!“

Durch einen solchen Satz des Auftraggebers begibt man sich als Designer gleich auf dünnes Eis. Eine geschmackliche Diskussion wird eröffnet – was ist „schön“, was wird als „schön“ empfunden? Hier werden ästhetische Werte des Designers und des Auftraggebers unnötig miteinander konfrontiert.

Eine einzigartige Ästhetik entsteht aus dem Zusammenspiel der visuellen Komponenten, die bestimmte Fokusgruppen als wichtig und „schön“ empfinden. Der Designer und der Auftraggeber sollten sich am kulturellen Code der zukünftigen Nutzer orientieren. Damit ersparen sich beide Seiten unnötige Diskussionen, die in eine Sackgasse führen.

2. Design machen wir zum Schluss

Viele suchen die Dienste eines Designers erst auf, wenn es quasi schon zu spät ist – das Produkt ist so gut wie fertig, die Inhalte stehen, die Programmierung ist abgeschlossen und die ersten Newsletter sind schon raus. Eine Kleinigkeit fehlt noch – ein paar Buttons hier, ein paar Bilder da – und dann wären wir schon fertig! Fragt sich nur mit welchem Resultat! In vielen Projektplänen wird das Design an das Ende der Produktionskette verbannt.

Dem Designer sind in so einer Situation die Hände gebunden – aus zeitlichen und finanziellen Gründen kann auf dem letzten Abschnitt sein Know-How nicht mehr einfließen.
Am Ende der Entwicklung werden die Vorschläge, z.B. die Informationsarchitektur zu überdenken oder zu prüfen, ob der Produktname bei den Zielgruppen gut ankommt, nicht gerne gehört. Dafür ist es schlichtweg zu spät.

Idealerweise sollte das Design eines Produktes, Prozesses oder einer Dienstleistung von Anfang an berücksichtigt und der Designer schon während der Planung ins Boot geholt werden. In einem iterativen Prozess können Inhalts- und Design-Entwicklungen parallel, aufeinander abgestimmt laufen. Die relevanten Usability-Aspekte können gleich in den Prozess integriert werden und sorgen dafür, dass die visuelle Strategie sich auf den konkreten Wünschen und Vorstellungen der Fokusgruppen aufbaut.

3. Design ist eine künstlerische Disziplin

Der Designer ist ein Künstler – es geht ihm um die Selbstverwirklichung und nur wenig um die Ziele des ihn beauftragenden Unternehmens. Oft wurde die Erfahrung gemacht, dass der beauftragte Designer als gekränkte Primaballerina aufgetreten ist. Kein schönes Bild – ein in seine Ideen und Entwürfe verliebter Designer, der auf keinen Fall die Perspektive der Auftraggeber annimmt. Eine solche Situation kommt immer wieder vor und ist für eine Zusammenarbeit nicht gerade wünschenswert. Es entsteht ein Konflikt, noch bevor es einen realistischen Grund dafür gibt. Der Auftraggeber vertraut dem „verträumten Künstler“ nicht und versucht, den Designprozess selbst stark zu führen und permanent im Auge zu behalten.

Ziel für ein Unternehmen ist es also, einen Design-Partner zu finden, der durch seine Empathie für das Unternehmen und für die Zielgruppen überzeugt. Andersherum hilft das Verständnis für die Denk- und Arbeitsweise eines Designers dabei, sein kreatives Potential an der richtigen Stelle im Entwicklungsprozess einzusetzen.

4. Jeder kann Design erstellen

Vorweg – ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch kreativ sein kann. Es ist bloß eine Frage der inneren Einstellung und der eigenen Erfahrung. Kreativ sein bedeutet aber nicht automatisch, komplexe Designs nach vorgegebenen Gestaltungsrichtlinien entwickeln zu können. Design verlangt nach vielen Kenntnissen und Grundlagen, die während des Studiums aufgebaut und dann in der Praxis permanent weiterentwickelt werden.

Problematisch wird es, wenn der Auftraggeber selbst am PC aktiv wird und eigene Entwürfe z.B. in PowerPoint zusammenstellt. Dieser Kreativitätsausbruch wird schnell zur Falle, wenn man plötzlich feststellt, dass die eigene Idee im Detail dann noch nicht so „hinhaut“, wie man sich das ursprünglich vorgestellt hat. Der Designprozess stockt und endet meist mit einem unschönen Kompromiss.

Natürlich sollte ein Auftraggeber auf jeden Fall in den Kreativprozess mit einbezogen werden. Zum Beispiel ist eine gemeinsame gestalterische Wettbewerbsanalyse eine gute Gelegenheit, gemeinsam visuelle Vorstellung zu entwickeln.

5. Design löst inhaltliche Probleme

Eine typische Situation – der Designer bekommt, egal ob für Print oder eine digitale Veröffentlichung, ein Manuskript mit umfangreichem Text. Der Auftraggeber stellt als zusätzliche Bedingung, dass das Design „luftig“ und „aufgeräumt“ werden soll. Hier kann der Designer den beiden Wünschen – viel Text und einfache Übersichtlichkeit – nur bedingt nachgehen. Schlecht strukturierte Inhalte lassen sich nicht durch aufgeräumtes Design in Gold verwandeln. Viel eher sollte zu einem früheren Zeitpunkt in der Produktentwicklung versucht werden, die inhaltliche Struktur zu verändern, sodass man schon von Anfang an auf den klaren Charakter des gewünschten Designs abzielt.
Andernfalls kommt es schnell zu Komplikationen bei der Fertigstellung des Designs. Soll der in unserem Beispiel genannte umfangreiche Text in ein klares Design integriert werden, kann schnell das gesamte grafische Konzept ins Wanken geraten. Die vielen kleinen Anpassungswünsche – hier Schrift kleiner, da noch ein Textfeld außerhalb des Satzspiegels, neue Menüpunkte, weniger Überschriften usw. – führen zwangsläufig zum Verlust der eigentlichen Aussagekraft des angestrebten Designs.

Design ist nicht unmittelbar dazu da, inhaltliche Probleme zu lösen. Mit der Verwässerung des visuellen Konzeptes wird die Gesamterscheinung ins Wanken gebracht, bei dem Nutzer entsteht ein diffuses Gefühl, dass „etwas nicht stimmt“.

Deshalb ist es wichtig darauf zu achten, dass das inhaltliche und das visuelle Konzept gut aufeinander abgestimmt sind. Möchte man beispielsweise einen gut lesbaren und inhaltlich verständlichen Text auf einer Seite unterbringen – muss dieser Text entsprechend formuliert und gekürzt werden. Eine eierlegende Wollmilchsau hatte noch nie etwas mit gutem Design zu tun.

Fazit

Diese fünf weit verbreiteten Irrtümer über Design sollten abgelegt werden. Ein gutes Design bietet viel mehr als nur eine schöne Oberfläche. Design ist Struktur, Prozess, Vision sowie in Kombination mit dem Inhalt Aussagekraft und Empathie. Design verbindet Haptik, Herz und Verstand und sorgt dafür, dass ein Produkt, eine Marke oder eine Dienstleistung Menschen hilft und Freude schenkt.

… O.K., Ich gebe zu, dass ein Designer mit seinen Fragen einen in den Wahnsinn treiben kann. Hier ein Witz dazu:

Auftraggeber: Guten Tag, wir möchten unsere Lampenkollektion auf neue Bürolampen erweitern.

Designer: Müssen das den die Lampen sein?

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