Zwetana Penova Connecting Design

Strategie & Innovation

Visual Thinking – Ich zeichne, also denke ich

Wenn ich in Leipzig auf der Buchmesse bin, halte ich mich gerne in Halle 3 auf. Da ist der Trubel etwas dezenter, was vor allem daran liegt, dass in dieser Halle weniger Giveaways und bunte Tüten verteilt werden. Ich hoffe, die Halle 3 bleibt sich in dieser Hinsicht treu – hier habe ich noch die Chance, einen Sitzplatz im Café zu bekommen. Oh, meine müden Beine!

Die andere interessante Eigenschaft der Halle 3 ist thematischer Natur. Hier ist das Design zuhause. Die von der Stiftung Buchkunst im Rahmen des Wettbewerbs Schönste Bücher aus aller Welt prämierten Bücher sind in der Halle 3 zu finden, hier präsentieren sich kleine Kunstdruck-Verlage, die Medien- und Kunsthochschulen zeigen ihre Projekte und Mitglieder der Illustratoren Organisation e.V stellen sich vor. Die Illustratoren Organisation e.V. bietet außerdem Vorträge an. Einen Vortrag zum Thema Visual Thinking habe ich mir angehört und nun möchte ich euch davon erzählen.

Vortrag: Denken in Bildern

Diesen Vortrag hielt eine Illustratorin, die nicht nur klassische Illustrationsaufträge wie Bücher und Cover bearbeitet, sondern auch als Graphic Recorder (eine Art Zeichen-Protokollantin) arbeitet. Graphic Recorder wird von Unternehmen und Agenturen eingeladen, in Bildern die Inhalte von Gesprächen und Workshops „live“ festzuhalten. Meistens dreht sich dabei alles um Zukunftsvisionen. Die Aufgabe eines Graphic Recorder ist es, ohne ein Teil des Teams zu sein, ein für alle verständliches Protokoll zu erstellen.

Graphic Recorder – stummer Protokollant im Raum

Die Bilder, die eine tolle Illustratorin erstellt, sehen natürlich beeindruckend aus. Trotzdem bin ich bei diesem Vortrag aus folgenden Gründen ins Grübeln gekommen:

  • Wie kann ein Illustrator, ohne mit dem Thema und dem gesamten Kontext vertraut zu sein, entscheiden, was im Protokoll wichtig ist und wie kann er die Zusammenhänge richtig erkennen?
  • Wie kann ein Unternehmen bei wichtigen strategischen Entscheidungen einem Außenstehenden die so wichtige Rolle des Protokollanten anvertrauen?

Das waren zwei Fragen – dazu kommt noch eine persönliche Überzeugung:

  • Die Stärke des Visual Thinking liegt im Prozess. Ich finde es wichtig, dass alle im Raum anwesenden Teambeteiligten aktiv mitarbeiten – denn aus der Kombination von denken und zeichnen entstehen gute Ideen. Ob diese Zeichnungen qualitativ hochwertige Illustrationen sind, spielt überhaupt keine Rolle.

Visual Thinking und kreatives Denken

Der Begriff Visual Thinking stammt eigentlich aus dem pädagogischen Bereich. Menschen, die zu den visuellen und / oder haptischen Lerntypen gehören, skizzieren die Lerninhalte oft, um sie besser zu behalten. Diese Skizzen können dabei sehr unterschiedlich aussehen – meistens sind es kleine Diagramme, Mindmaps etc., die Zusammenhänge aufzeigen und visuelle Eselsbrücken bauen.

Bei der Ideenentwicklung kann diese Lernmethoden unglaublich hilfreich sein. Einfache Zeichnungen inspirieren zu weiteren Ideen, bleiben in der Erinnerung hängen und sind selbsterklärend.

Denken in Bildern erlaubt es einem kreativen Team schneller und klarer zu arbeiten und beschleunigt die Entscheidungsprozesse. Die Zeichnung wird dabei zum zentralen Kommunikationsmittel.

Visual Thinking ist ein fester Bestandteil des Design-Thinking-Prozesses und des Service-Design-Prozesses.

Gleichzeitiges Denken und Zeichnen unterstützt den kreativen Denkprozess und hilft, Ideen und Gedanken für sich selbst und für Andere verständlich zu machen.

Für welche Projekte eignet sich Visual Thinking?

Bei der Service- und Produktentwicklung kann ich berichten, dass handgezeichnete Mindmaps mit Icons, Bildern und Schlagwörtern eine tolle Grundlage für die Ideenfindung und für das weitere Vordenken bilden. In einer Brainstormingsituation habe ich immer wieder erlebt, dass die Ideentransformation sehr effektiv verläuft, wenn alle Team-Mitglieder ihre Ideen skizzieren und die Skizzen der Anderen zeichnerisch ergänzen.

Vor allem, wenn das Team ins Stocken gerät – und die Gedanken und Ideen zu kompliziert zu erklären sind, hilft es, die Mitarbeiter aufzufordern, ihre Vorstellungen zu skizzieren – und schon geht es weiter.

Illustrieren kann nicht jeder – aber jeder kann in Bildern denken

Es gibt einen tolle TED-Talk von Tim Brown über Kreativität. Ganz am Anfang zieht er einen Vergleich zwischen Kindern und Erwachsenen bei der Einschätzung eigener zeichnerischer Leistungen. Kinder sind stolz auf ihre Werke. Erwachsene entschuldigen sich erst einmal dafür, dass sie nicht zeichnen können.

Alle Erwachsene waren mal Kinder. Bei vielen ist das aber schon lange her, und der Anspruch auf die eigene Leistung wird sehr hoch, wenn es darum geht, etwas zu zeichnen. Bei Visual Thinking geht es gar nicht darum, besonderes naturalistisch oder authentisch zu zeichnen. In diesem Prozess kommunizieren Menschen miteinander durch einfache Metaphern und Symbole, die alle verstehen und schnell aufnehmen. Ein Herz steht für Liebe, ein Haus für Home, ein Smiley für glücklich.

Visual Thinking als Teamerfahrung

Visual Thinking sehe ich vor allem als Team-Erfahrung. Es gibt verschiedene Methoden, Visual Thinking in ein Arbeitsgespräch oder Workshop zu integrieren. Hier ein paar Beispiele:

Brainstorming

Beim Brainstorming geht es darum, möglichst viele Ideen in kurzer Zeit zu produzieren. Kleine Skizzen helfen, eigene Kerngedanken zu teilen. Beim Design-Thinking wird mit Post-its gearbeitet. Dadurch ist ein Format vorgegeben.

Kollaboratives Zeichnen

Statt miteinander zu diskutieren, werden die Teammitglieder aufgefordert, zusammen auf einer großen Wand (oder online) zu zeichnen. Hier steht der visuelle Dialog und die gemeinsame Ausarbeitung von Mindmaps, visuellen Protokollen etc. im Vordergrund.

Storytelling als Comic

Dies ist eine kurze, visuelle Dramaturgie, die erklärt, warum die potenziellen Nutzer ein Produkt oder einen Service brauchen und wie es/er funktionieren wird.

Journey Map

Journey Map ist eine Methode aus dem Usability-Bereich, die die Perspektive der Nutzer von Produkten oder von Services als Ablauf darstellt. Für die Darstellung bietet sich ein Diagramm aus Stichwörtern, Pfeilen und Icons viel besser an als eine Tabelle.

Fazit

Zum Schluss die wichtigsten Vorteile von Visual Thinking:

  • bringt Klarheit in die Kommunikation
  • verhilft zu neuen Ideen und Gedanken
  • hilft Ideen zu sortieren
  • versetzt die Beteiligten in einen spielerischen (=kreativen) Modus
  • stärkt die Kollaboration
  • bezieht alle aktiv mit ein
  • ist eine tolle Dokumentation

Links

Good School
Five glorious presentations on visual thinking
Visual Thinking Archive
How to Unlock Your Creativity with Visual Thinking
Visual thinking basics video

Bücher

The Back of the Napkin, Dan Roam
Visual Meetings: How Graphics, Sticky Notes and Idea Mapping Can Transform Group Productivity, David Sibbet
The Visual Display of Quantitative Information, Edward R. Tufte

2 Kommentare

  1. martin lindner
    Posted 26/03/2013 at 18:04 | Permalink

    gerade auf G+ gesehen. dazu habe ich auch mal was geschrieben: http://pb21.de/2011/09/visuelles-denken/

    • zwetana
      Posted 27/03/2013 at 09:47 | Permalink

      Hallo Martin,
      danke für deinen Artikel. Stimme dir voll zu. Visual Thinking kann auch den Zugang zum Wissen demokratisieren. Vor allem die komplexen politischen Themen lassen sich mit den Bildern sehr gut erklären. Die Beispiele fand ich sehr überzeugend.

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